Aktuelles aus der Gemeinde

22.11.2022

"Friedensgedenken am Ewigkeitssonntag" 20. November 2022

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres wurde auf dem Altbacher Friedhof traditionell den Verstorben und zugleich den Opfern von Krieg, Gewalt und Vertreibung gedacht.
Nach dem einleitenden Musikstück des Musikvereins Altbach hielt Bürgermeister Funk seine Ansprache vor den Versammelten.
 
„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
verehrte Mitwirkenden und Gäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
ich begrüße Sie an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt oder Christkönigsonntag zum Friedensgedenken auf dem Friedhof der Gemeinde Altbach, vor dem Gefallenenmahnmal.
Traditionell wird in Altbach an diesem Sonntag der Verstorbenen gedacht und zugleich, insbesondere den Opfern von Krieg, Gewalt und Vertreibung. Doch heute soll Zuversicht mitschwingen, wenn dies auch gegenwärtig nicht einfach ist. Insofern stellt dieser Tag auch ein Gedenken an den Frieden dar, mit der Hoffnung und dem Wunsch nach Frieden und einem guten miteinander.
 
Dieses Ziel scheint jedoch sehr weit weg.
Ich danke Ihnen von Seiten der Gemeinde Altbach für Ihr kommen, denn es zeigt Ihre Wertschätzung und Achtung gegenüber den Opfern von Gewalt, Krieg, Vertreibung und Terror, den unzähligen Kindern, Frauen und Männern. Es soll als unser gemeinsames Bekenntnis verstanden werden, dass wir uns dafür einsetzen, dass diesen keine weiteren Opfer folgen und dem Streben nach Frieden. Dieses Ziel zu erreichen ist sowohl in der persönlichen, als auch in der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung zu verstehen.
Das Jahr 1989 ging als Jahr des friedlichen Wandels in Osteuropa und als das Jahr in die Geschichtsbücher ein, das den Kalten Krieg beendete. Vor lauter Euphorie über diese friedliche Überwindung der kommunistischen Diktaturen sprach ein amerikanischer Politikwissenschaftler – Francis Fukujama – sogar vom „Ende der Geschichte.“ Nach dieser These würde sich nunmehr die Demokratie auf der gesamten Welt ausbreiten.
Mit Beginn dieses Jahres ist der Schrecken des Krieges durch den Angriff Russlands auf die Ukraine in unsere Nachbarschaft zurückgekehrt und wir wurden eines anderen belehrt. Was für uns undenkbar schien, ist seit dem 24. Februar 2022 wieder bittere Realität. Nach den Schrecken und Toten des zweiten Weltkriegs sind die Felder und Städte der Ukraine wieder Schauplatz von Schmerz, Leid und Gräueltaten. Und wieder fallen Menschen Krieg und Verbrechen zum Opfer. Gewalt und Krieg führen zu Gegenmaßnahmen und Reaktionen und so kann eine Gewaltspirale entstehen, die immer größere und weitere Einflüsse hat und immer schwerer zu beherrschen und einzudämmen ist. Dies zeigt sich auch im gegenwärtigen Krieg in der Ukraine, in den nun auch ein weiteres Land unmittelbar hineingezogen wurde. Es muss unser aller Bestreben sein und es ist unser aller Herausforderung, für den Frieden untereinander und miteinander einzustehen und daran zu arbeiten. Denn nur zusammen und gemeinsam können wir den Herausforderungen, die sich der Menschheit stellen, begegnen und Lösungen finden.
 
Daher erinnern wir uns insbesondere an einem Tag wie heute der Verpflichtung, gemeinsam daran zu arbeiten, dass dem Bösen in unserer Welt stets genügend Gutes entgegensteht.
 
Aus diesem Grund möchte ich heute ein Gedicht aus dem Band: „#Antikriegslyrik. Gedichte für den Frieden“ rezitieren „ein Gedicht über den Krieg schreiben, wenn man nur Frieden kennt“ von „@janinabodi“:
 
Ich kenne keinen Krieg,
ich kenne nur
Geschichtsbuchkapitel
mit Schaubildern und einem spannenden Titel,
mit Fakten und Daten und Zahlen und Quoten:
Erster Weltkrieg, 1914-18, mit 17 Millionen und
zweiter Weltkrieg, 1939- 45, mit 80 Millionen
Toten.
 
Ich kenne keinen Krieg,
ich kenne nur
Literaturmeisterwerke
wohlklingende Worte von Schönheit und Stärke
von Brecht und Remarque, die sie uns hinterließen:
Wir waren 18 Jahre und begannen
die Welt und das Dasein zu lieben;
wir mussten darauf schießen.
 
 
 
Ich kenne keinen Krieg,
ich kenne nur
Abendessenanekdoten.
Am Tisch ist schwerwiegendes Schweigen geboten,
wenn Opa uns wieder von damals erzählt:
Wir hatten Hunger und hatten kein Geld.
Wir stahlen gefrorene Kartoffeln vom Feld.
 
Ich kenne keinen Krieg,
ich kenne nur
Nachrichtenbilder.
Explosionen in Städten und weinende Kinder,
daneben der Sprecher, der sachlich erklärt:
Am 6.Tag der Invasion in der Ukraine haben
die russischen Truppen ihre Angriffe verstärkt.
 
Ich kenne keinen Krieg,
ich kenne nur
Frieden.
Ich musste nie fliehen, bin immer geblieben.
Ich hatte nie Hunger, bin immer schon satt.
Ich musste nie schießen, weil man mir befohlen
hat.
 
Ich kann seine Schrecken nur benennen,
doch andere müssen den Krieg durchleben.
Ich wünschte, ich wär´ nicht so machtlos dagegen.
Ich wünschte, ein jeder würd´ ihn wie ich
nur noch vom
hörensagen
kennen.
 
Unsere gemeinsame Erinnerung an einem Gedenktag wie heute, an die Millionen Toten, muss uns die persönliche Aufforderung sein, tagtäglich den Weg des Friedens zu gehen – ein Weg, der lang und beschwerlich, aber darum nicht weniger lohnenswert ist. Vielleicht erreichen wir es dann – das zitierte „Ende der Geschichte.“
 
Machen wir uns also gemeinsam auf den Weg:
Für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einzustehen und gegen Ungerechtigkeit und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen.“
Anschließend stimmte der Sängerkranz Altbach die Anwesenden mit einem Liedbeitrag auf die Ansprache von Pfarrer Dr. Bauspieß ein.
 
Den Lebenden zur Mahnung, den Gefallenen und Vermissten zum Gedächtnis – so steht es in großen Buchstaben hier oben am Mahnmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. Es geht also einerseits um Menschen, die bereits gestorben sind, und andererseits um die, die leben – um uns, die wir hier stehen. Die Erinnerung hat etwas mit unserer eigenen Gegenwart zu tun. Darum sind wir hier.
Hier in Altbach begehen wir am „Ewigkeitssonntag“ auch den Gedenktag für die, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Mit jedem Jahr rücken die Ereignisse, um die es hier geht, in den Hintergrund: der Erste und der Zweite Weltkrieg. Und so wandelt sich auch die Erinnerung daran. Es gibt immer weniger Menschen, die eine direkte Erinnerung an diese Ereignisse haben. Manche von Ihnen wissen noch von Erzählungen der Eltern oder Großeltern davon. Was geschieht, wenn die Erinnerung verblasst? Nach einer langen Zeit des Friedens gibt es wieder Krieg in Europa. Fangen die Menschen an zu vergessen, was der Krieg bedeutet hat? Wie viele Verlierer er kennt?
An der Geschichte des heutigen Gedenktages lässt sich nachvollziehen, wie sich die Erinnerung wandelt. Und welche Gefahr darin liegt: Der „Volkstrauertag“ wurde ursprünglich in der Weimarer Republik eingeführt, um daran zu erinnern, dass ein solch schrecklicher Krieg wie der Erste Weltkrieg nie mehr geschehen sollte. Aber schon bald wandelte sich die Erinnerung: Die Nationalsozialisten machten den Tag zu einem „Heldengedenktag“: Die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges wurden nun als „Helden“ verehrt. Dem Tod der deutschen Soldaten sollte damit ein Sinn gegeben werden. Behauptet wurde damit, dass sie für eine gute Sache gestorben seien. Für die Ehre und das Vaterland! Aus heutiger Sicht ist deutlich, was damit mit diesem Tag gemacht wurde: Indem dem Krieg und dem Sterben ein Sinn gegeben wurde, wurde nur ein neuer Krieg vorbereitet. Die Absicht war, Menschen bereit zu machen, ihr Leben zu geben für das Volk. Indem die Helden der Vergangenheit geehrt wurden, wurde ein noch furchtbarerer Krieg vorbereitet, in dem Menschen bereitgemacht werden sollten, zu sterben.
Auch in kirchlichen Kreisen war das Bestreben zu spüren, dem Krieg und dem Sterben einen Sinn zu geben. „Gott mit uns!“ ragt in übergroßen Lettern auf dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, das im Jahr 1913 – hundert Jahre nach der Völkerschlacht von 1813, in der die Truppen Napoleons geschlagen worden waren – errichtet wurde. Ein Jahr später begann der Erste Weltkrieg. Wo dem Krieg in der Erinnerung ein Sinn gegeben wird, wo behauptet wird, dass sogar Gott einen Krieg will, da wird ziemlich sicher ein neuer Krieg vorbereitet, da sollen Menschen bereitgemacht werden, für eine vermeintlich gute Sache, ja für Gott selbst, zu sterben.
Wir haben uns deshalb ganz bewusst dafür entschieden, diesen Gedenktag nicht als Heldengedenktag zu begehen, sondern als ein Tag, an dem wir um den Frieden bitten. Als ein Friedensgebet, das heute nötig ist. Wenn wir heute hier stehen und diesen Gedenktag begehen, dann kann die Botschaft an diesem Tag nur sein: Kein Krieg dieser Welt hat irgendeinen Sinn! Krieg bedeutet immer das Ja zum Tod und das Nein zum Leben!
Ich möchte das heute auch als Vertreter der Kirche sagen: Auch in unseren Tagen gibt es leider Menschen, die Gott für einen Angriffskrieg missbrauchen wollen und behaupten, hier werde im Namen Gottes gegen den vermeintlich gottlosen Westen ein Krieg geführt. Der Patriarch in Moskau hat sich in diesem Sinne auf die Seite Putins gestellt. Mutige Priester in Russland und in der Ukraine sind gegen ihn aufgestanden und haben sich von ihm losgesagt. Wie gut, dass es solche Menschen gibt!
Wir sehen daran, dass es nicht egal ist, an wen oder was wir glauben. Vielmehr kommt alles darauf an! Es kommt deshalb darauf an, auch daran zu erinnern, an welchen Gott wir in der christlichen Tradition, die dieses Land und unsere Gesellschaft geprägt hat, glauben: Wir glauben an einen Gott des Friedens. An einen Gott, der den Frieden will und der den Frieden schafft. In der Weihnachtsnacht werden wir wieder hören, wie die Engel den „Frieden auf Erden“ ansagen. Überall da, wo Menschen an einen Gott des Friedens glauben, da werden wir Schritte zum Frieden gehen, ganz gleich welcher Religion ein Mensch angehört oder ob er sich überhaupt einer Glaubensgemeinschaft zurechnet. Wo im Namen Gottes Krieg geführt wird, da geschieht dies immer zu Unrecht. Wo dem Sterben im Krieg ein Sinn gegeben wird, da wird der Tod zum Gott gemacht, dem Menschen geopfert werden.
Darum ist dieser Tag der Erinnerung für uns heute ein Gebet für den Frieden. Um den Frieden für die Menschen, die in der Vergangenheit ihr Leben verloren haben, weil sie für den Krieg missbraucht wurden. Und um den Frieden für uns heute – für den Mut, gegen jede Vereinnahmung zum Krieg aufzustehen und zu protestieren. Für den Mut, nach Wegen zu suchen, die zum Frieden führen. Um das Vertrauen zu dem Gott, der ein Gott des Friedens ist. So bleibt dieses Denkmal für uns hier in Altbach ein Mahnmal, eine Erinnerung daran, dass es unsere Aufgabe ist, nach Frieden zu suchen und um ihn zu bitten. Ihn in unserem alltäglichen Miteinander zu leben. Um nicht zu vergessen, was in unserer Geschichte geschehen ist, damit wir für die Zukunft daraus lernen.“
 
Dem darauffolgenden Gebet der Gemeindereferentin der kath. Kirchengemeinde, Frau Siegel, ging ein weiterer Liedbeitrag des Sängerkranzes Altbach voran.
Im Anschluss wurde der Kranz niedergelegt und von weiteren musikalischen Darbietungen des Musikvereins Altbach begleitet.
 
Zum Schluss wandte sich Bürgermeister Funk nochmals an die Versammelten:
 
„Sehr geehrte Anwesenden,
zum Abschluss dieser Gedenkfeier möchte ich mich sehr herzlich bei allen Mitwirkenden bedanken.
Bei Herrn Pfarrer Dr. Bauspieß von der evangelischen Kirchengemeinde und bei Frau Siegel von der katholischen Kirchengemeinde, für den geistlichen Impuls.
Bei Herrn Simmler und dem VdK für ihre Unterstützung.
Ein ganz herzliches Dankeschön dem Sängerkranz Altbach und dem Musikverein Altbach für die würdige musikalische Umrahmung unserer Gedenkfeier.
Ihnen allen danke ich herzlich für Ihr Kommen und wünsche uns einen schönen Sonntag und eine ruhige und friedliche Adventszeit.“