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Neues aus dem Rathaus

Gedenkfeier am Totensonntag, den 25. November 2018

Traditionell gedachten zahlreiche Mitbürgerinnen und Mitbürger am
Totensonntag im Rahmen einer Gedenkfeier auf dem Altbacher Friedhof
den unzähligen Kindern, Frauen und Männern, die Opfer von Gewalt, Krieg, Vertreibung und Terror wurden.

 
Nach seiner Begrüßung erinnerte Bürgermeister Funk an ein Zitat des im letzten Jahr verstorbenen Alt-Bundeskanzlers Helmut Kohl: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Dies gebe wider, wie wichtig es sei, sich zu erinnern und zu begreifen, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten darf. Ein Blick in die Geschichtsbücher sei notwendig und werde immer wichtiger sein.
 
Herr Funk erinnerte an die Folgen des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren: „Der bis dahin umfassendste Krieg, bei dem 70 Millionen Menschen unter Waffen standen und der als Materialschlacht und Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher einging und dessen Folgen bis heute und auch weiterhin fortwirken. In Folge dieses Krieges brach sich der Nationalsozialismus in Deutschland Bahn, der aufgrund seiner zu Grunde liegenden kruden Ideologie zu Hass, Verfolgung und schließlich zur Tötung von Mensch führte, deren Leben für unwert erachtet wurde. Oder aufgrund ihrer Religion, Weltanschauung und politischen Überzeugung in Konzentrationslagern interniert, ausgebeutet und getötet wurden. So hat der Krieg zwischen den Nationen auch zu Hass und Gewalttaten innerhalb einer Gemeinschaft geführt, deren Antrieb und Ausganspunkt die vermeintliche Homogenität einer Gruppe war.“
 
Es sei erschreckend, welche Parallelen man zu unserer Gegenwart erkenne. „Nicht ein langfristig durchdachter Plan führte zum Krieg, an dem der ganze Kontinent beteiligt war, sondern man kann es am ehesten als diffusen Drang beschreiben, die internationale Ordnung umzukrempeln. Es war gespeist von der Hoffnung, dass eine als unbefriedigend und als überfordernd wahrgenommene Gegenwart abgelöst würde. Eine radikal, vermeintlich befreiende Erwiderung auf eine überkomplex gewordene Welt“, so Bürgermeister Funk.
 
Er verdeutlichte: „Wie vor hundert Jahren sei auch heutzutage dem Wunsch des weltweit grassierenden Nationalpopulismus: kurzen Prozess zu machen, die internationalen Zwänge abzuschütteln und der Wunsch vom großen nationalen Aufbruch. Diese Kräfte saugen ihre Energie aus dem Nationalismus ohne andeuten zu können, welche bessere Ordnung sie etablieren wollen“.
Die Friedfertigkeit beginne bei jedem einzelnen von uns, egal ob wir es Nächstenliebe, Solidarität oder Respekt nennen. Es gehe darum, die Prämisse ICH zuerst zu überwinden. Unfriede in unserer Welt entstehe auch bereits im täglichen Sprachgebrauch, der andere herabsetze, wenn man Freiheit oder Gesundheit des anderen nicht mehr achte, wenn anders Denkende abgelehnt werden oder Fremden feindselig begegnet wird.
Bürgermeister Funk beendete seine Rede mit dem Appell:
„Wenn wir andere Personen achten und ihnen mit Respekt begegnen, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion oder politischer Auffassung, dann tragen alle etwas zum Frieden in unserem unmittelbaren Umfeld bei“
In diesem Sinne sprach Bürgermeister Funk danach im Namen aller Anwesenden das Totengedenken.

Anschließend stimmte der Sängerkranz Altbach die Bürgerinnen und Bürger mit dem Liedbeitrag „Meine Zeit steht in deinen Händen“ auf die Ansprache von Monika Siegel ein.
Frau Siegel schilderte eine Begegnung mit ein paar älteren Damen, die über ihre Kindheitserlebnisse im Krieg berichteten. Sie erzählten von Bombenangriffen, Verstecken im Kinderwagen, herumliegenden Leichen, vor Schrecken erstarrte und traumatisierte Kinder. Die Frauen berichteten vom Glück des Überlebens, vom Wiedertreffen der Verwandten, die sich in irgendeiner Weise durchgeschlagen hatten, indem sie z.B. Gras gegessen haben. Über die Hilfe der Menschen um sie herum, die angepackt haben, die Not gesehen haben und die halfen. Es gab kein Sozialamt, das einsprang und keine Versicherung. Es gab nur die Menschen, die bereit waren zu teilen.
 
 
Nach dem Austausch spürte Frau Siegel, wie gut das Zuhören und Erzählen der Frauen getan habe. Sie erfuhr, dass das Erzählen lange Zeit schwierig gewesen sei:
„Besonders in den ersten Jahren nach dem Krieg. Jeder dachte lieber nach vorne, als zurück. Und – es fehlten die Worte. Erst viel, viel später konnte über das Geschehen gesprochen werden. Manche können es bis heute nicht. Viele haben diese Erinnerungen mit ins Grab genommen. – Andere schafften es darüber zu sprechen und stellten fest, dass es anderen genauso gehe.“
 
Auch Frau Siegel erinnere sich an eine Erzählung ihres Onkels, der als fünfjähriger Junge in die Keller der ausgebombten Häuser in Breslau musste, um Vorräte herauszuholen, damit die Familie etwas zu Essen hatte. Die Worte der Mutter dieses fünfjährigen Jungen: „Entweder gehst du da rein, vielleicht erschlagen dich die Trümmer oder wir überleben hier alle nicht, weil wir nichts zu essen haben“ zeigten die traurige Wahrheit laut Frau Siegel. „Es ist lange her, aber wenn ich es recht überlege, hing auch mein Leben von diesem kleinen Jungen ab, der in die Keller ging. Sonst hätte meine Mutter nicht überlebt…“ so Frau Siegel.
 
Sie erläuterte, dass diese Erzählung auch für sie einen Nachhall habe: „Ich kenne so etwas nicht, es ist außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass hier Bomben vom Himmel fallen. Ich habe keine Ahnung, wie es ist, wirklich Hunger zu leiden. Doch wenn jemand vor mir sitzt, der das erlebt hat und mich daran teilhaben lässt, spüre ich den Wert des Friedens, den wir in unserem Land haben – und, dass er nicht selbstverständlich ist. Wenn mir Menschen so etwas erzählen, bekomme ich eine andere Sicht auf mein Leben heute. Vieles, was mir selbstverständlich erscheint, ist es einfach nicht: Ich habe zu essen, Ich lebe in Sicherheit, brauche keine Angst zu haben auf die Straße zu gehen oder meine Meinung zu sagen. Ich habe einen Ort an dem ich wohnen kann. Das klingt erstmal nicht viel, weil es mir selbstverständlich erscheint, aber im Angesicht dessen was mir erzählt wurde, ist es viel. Und dann überkommt mich Dankbarkeit.“
Sie könne deshalb nachvollziehen, warum sich so viele Menschen danach sehnen würden, hier zu leben.  
Sie erinnerte daran: „Es leben nicht wenige Menschen um uns herum, die Kriege erlebt haben. Den vor 73 Jahren – den Jugoslawienkrieg – Kriege in Afrika – den Krieg in Syrien. Manche leben ganz selbstverständlich unter uns, oft ist uns gar nicht bewusst, was sie erlebt haben. Manche können und wollen erzählen, andere lieber nicht“.
 
Sie appellierte an alle Mitbürgerinnen und Mitbürger, die den Krieg erlebt haben, zu erzählen, um den Wert des Friedens in unserem Land zu schätzen. Auch die jüngeren Mitbürgerinnen und Mitbürger rief sie mit folgenden Worten dazu auf: „Fragen Sie nach und hören Sie zu, damit uns der Wert des Friedens bewußt wird. Wir alle dürfen nie vergessen: Frieden ist nicht nur was zwischen Ländern oder innerhalb von Staaten. Frieden fängt bei meinen Mitmenschen an, mit meinen Kollegen bei der Arbeit, mit meinen Nachbarn und im Verein. Mit meinen Freunden und meiner Familie und auch mit mir selbst. Frieden fängt bei jedem einzelnen an.“
Nach dem darauffolgenden Liedbeitrag des Sängerkranzes „Suchen und fragen, hoffen und sehn“ sprach Pfarrer Weiß im Namen der Evangelischen Kirchengemeinde ein Gebet.
 
An den Gedenktafeln für die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege legte Bürgermeister Funk mit dem Vertreter des VdK, Herrn Simmler, einen Kranz nieder.
 

Begleitet wurden sie von den Klängen des Musikvereins, die „Ich hatte einen Kameraden“ spielten.

Zum Abschluss der Gedenkfeier dankte Bürgermeister Funk den mitwirkenden Vereinen, Herrn Pfarrer Weiß von der Evangelischen Kirchengemeinde und Frau Siegel von der Katholischen Kirchengemeinde, Herrn Simmler und dem VdK sowie den Bürgerinnen und Bürgern für ihr Erscheinen, mit welchem sie ein Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens der Toten und Verstorbenen gesetzt haben.
 
Anschließend lud er die Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu ein, die neue Bestattungsform der Urnengemeinschaftsgrabanlage zu besichtigen.

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